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“VON ANGESICHT ZU ANGESICHT”

Internationales Projekt für Kunst und Wort

Dieses Projekt der Orthodoxen Akademie von Kreta (OAK), initiiert im Jahr 1983, begann mit einer Einladung an Künstler in Griechenland und später in aller Welt, sich mit einem geistlichen Text zu beschäftigen und in der Folge darüber künstlerisch zu äußern.

Besagter Text handelt vom Heiligen Makarios von Ägypten, 4.Jhd., dem großen Asketen der Wüste, und ist dem Sprüchebuch der Väter (Apophthegmata Patrum, Migne P.G. 34,257) entnommen:

  • Eines Tages traf Abbas Makarios bei einem Spaziergang in der Wüste auf einen Totenschädel, und es ergab sich folgender Dialog (hier zusammengefaßt in einer freien Übersetzung): MAKARIOS: Wer bist du?

  • SCHÄDEL: Ich war Prister unter den Heiden. Wenn du für uns, die wir in der Hölle sind, betest, erfahren wir eine große Erquickung.

  • MAKARIOS: Wie ist die Hölle, welche ist die Erquickung?

  • SCHÄDEL: Wir stehen inmitten von himmelhohen Flammen und leiden Qualen. Deren schlimmste aber ist, daß wir Rücken an Rücken gefesselt sind, und das Gesicht des anderen nicht sehen können - das ist die eigentliche Hölle! Wenn du aber für uns betest, lockern die Fesseln sich, und wir können einander wieder ansehen, VON ANGESICHT ZU ANGESICHT. Das ist unsere Erquickung!
Der Dialog des Abbas Makarios mit dem Schädel spricht, metaphorisch gesehen, von der Auseinandersetzung des Menschen mit dem ANDEREN; dem Mitmenschen. Plautus meinte, “homo homini lupus” (Der Mensch ist für den anderen ein Wolf), und Jean-Paul Sartre drückte es noch tragischer aus, indem er sagte, “L´enfer c´est l´autre” (Der Andere ist meine Hölle). Im oben wiedergegebenen Dialog jedoch wird, die christliche Überzeugung ausdrückend, genau das Gegenteil angesprochen, nämlich, daß nicht die Anwesenheit, sondern die ABWESENHEIT des Mitmenschen, das Fehlen von Kommunikation, die Einsamkeit, es ist, was uns Höllenqualen bereitet.

230 Künstler aus aller Welt haben inzwischen 350 Kunstwerke zu diesem Thema geschaffen:

Malereien (Öl, Aquarell, etc.) sowie Graphiken, Plastiken aus Holz, Stahl und Keramik, Collagen, Seidendrucke und Batik; aber ebenso Gedichte, Texte, Theaterstücke, Musikkompositionen, und einen Fernsehfilm.

Sie zeigen den Menschen in vielen Situatonen, welche aus der Tatsache des Rücken-an-Rücken-gefesselt-Seins resultieren, aus der Entfremdung vom Mitmenschen, und in der Folge von der Umwelt und von Gott; Themen, die uns tagtäglich betreffen und bewegen:

Krieg, Folter, Terrorismus, Entwurzelung von Menschen und Völkern, Rassismus, Masken, die wir im Alltag aus Angst vor Verletzung und Gesichtsverlust tragen, Intoleranz, fehlende Solidarität, fehlende Zukunftsaussichten, Umweltzerstörung durch Industrialisierung und ihre Folgen, um nur einige zu nennen.

Aber in vielen Werken ausgedrückt ist die Hoffnung und auch die Aussicht auf Erlösung, auf einen Ausweg aus dieser schrecklichen Situation; die Hoffnung darauf, daß der Mensch besser wird - sowohl gegenüber sich selbst, als auch gegenüber seinen Mitmenschen:

So sind auch Friede, Liebe, Glaube, Gebet, Solidarität, Verzeihen, Geborgenheit und Trost einige der Themen, welche von den Künstlern in ihren Werken angesprochen wurden.

Alle Werke diese Projekts sind Schenkungen der Künstler an die Orthodoxe Akademie von Kreta, und zum Großteil in den beiden Konferenzgebäuden in Ausstellung zu sehen. Eine repräsentative Auswahl der Werke wurde in Athen und im Ausland augestellt. 1989 wurden die Künstler eingeladen, in der Orthodoxen Akademie von Kreta im Rahmen einer internationalen Konferenz und Ausstellung selbst “VON ANGESICHT ZU ANGESICHT” zu kommen, und somit in einen Dialog untereinander zu treten.

Der Dialog zwischen dem Heiligen Makarios und dem Schädel, sowie das Projekt insgesamt gesehen, sind Ausdruck für die Arbeit der Orthodoxen Akademie von Kreta selbst: Es ist dies ein Ort des Gesprächs, welcher aus der Überzeugung entstanden ist, daß der Dialog der sicherste Weg zur Lösungsfindung ist.

Der Text, vor so vielen Jahrhunderten entstanden, war Beweggrund genug für Künstler, sich mit dem Thema schöpferisch auseinanderzusetzen; bis heute inspirieren und bewegen der Text und die so zahlreichen verschiedenen Kunstwerke, in denen dieser Gestalt und Ausdruck gefunden hat, die Menschen, welche als Konferenzteilnehmer oder Besucher in die Orthodoxe Akademie von Kreta kommen. Die Beiträge kommen aus folgenden Ländern:

Ägypten, Argentinien, Australien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Indien, Jugoslawien, Kanada, Korea, Neuseeland, Niederlande, Nord-Irland, Österreich, Philippinen, Polen, Ruanda, Rumänien, Rußland, Schweden, Schweiz, Spanien, Ungarn, USA, Zypern.

Die OAK akzeptiert, nach Vereinbarung, dankbar noch weitere Beiträge aus Ländern, die bis jetzt nicht im Programm vertreten sind.

Makarios- “KATHISMA”

Zu Ehre des Heiligen, der dieses Programm so reich gesegnet hat, hat die OAK eine kleine Höhle nördlich der Akademie-Anlagen zu einer kleinen Kapelle umgestaltet, in der sein Andenken gefeiert wird (19. Jänner).

 
 
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